Ist Gehorsam noch zeitgemäß?

Gehorsam weckt bei mir Bilder, die ich ganz schnell wieder vergessen möchte. Ich darf diesem Wort eine neue Bedeutung geben, denn mein neues Bild ist ein anderes. So wie ich glaube, dass Grenzen für Kinder wichtig sind, glaube ich auch, dass sie gehorchen müssen. Oder nenne ich es lieber so: Sie müssen vertrauen können, hören und folgen können. Sie brauchen Strukturen, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit geben. Es ist ein Tanz zwischen Bindung und Selbstbestimmtheit. Im Bereich der Bindung gibt es klare Regeln und Strukturen. Im Bereich der Selbstbestimmtheit werden diese Regeln und Strukturen auf Herz und Nieren geprüft.

Wie ein Kind über Gehorsam denkt

Haben die Strukturen Bestand? Kann ich mich an den Regeln orientieren? Kann ich mich in die Regeln hinein entspannen oder muss ich ständig auf der Hut sein? Wie ist die Mama drauf, wie der Papa? Was gilt bei Mama, was bei Papa? Wie schaffe ich den Spagat? Muss ich jeden Tag ähnliches immer neu verhandeln? Oder kann ich mir sicher sein, dass das, was gestern gegolten hat, heute auch gilt? Kann ich darauf vertrauen, dass mir gezeigt und gesagt wird, was in dieser Familie richtig ist? Gelten die Regeln für alle und immer? Sind sie sinnvoll?

Klar – ich entwickle mich auch weiter, ich probiere mich aus. Will ja nicht ewig Baby bleiben!

Da verändern sich die Grenzen – doch gehe ich zu weit? Kann ich noch ein Stückchen weitergehen? – Dazu brauche ich Hilfe.
Ich will ja auch, dass es Mama und Papa gut geht. Dazu muss ich aber wissen, was ihnen gut tut und was nicht.
Ich will beides: mich weiter entwickeln und mich anpassen.Dann kann ich mich in andere hineinversetzen und kann Verantwortung übernehmen. Für mich und für Schwächere. Gemeinsam mit anderen stärke ich mein soziales Verhalten.
Das brauche ich, damit ich gesund wachsen kann. 

Sicherheit und Verlässlichkeit ist für mich so notwendig wie ein Sicherheitsnetz für die Artisten. Sie probieren auch immer wieder neues aus, um die Zuschauer zu begeistern und in einen Zustand des Staunens zu versetzen. Und sie haben ein Sicherheitsnetz, in das sie fallen, wenn etwas nicht so gut gelingt, wie sie es gerne hätten. Und dieses Vertrauen, aufgefangen zu werden – egal was ich neues ausprobiere; das ist so wichtig für mich. Es ist so anstrengend für mich, wenn ich immer wieder korrigiert werde, obwohl ich glaube, dass es richtig war.

Kinder dürfen nicht kritisiert werden

Wenn ich kritisiert werde, fühlt es sich einfach nicht gut an.

Mama und Papa sollen mir vorher genau sagen, was ich wie machen soll.

Und dann mit dem Ergebnis zufrieden sein. Ich strenge mich ja sowieso an und mache es so gut ich kann.

Manchmal kann ich nicht glauben, was die Mama sagt. Ihr Gesicht passt gar nicht zu ihren Worten.

Was gilt jetzt? Glaubt sie vielleicht, ich kann nicht verstehen, wenn sie für das einsteht, was sie möchte?

Es tut mir so gut, wenn Mama mir die Welt erklärt.

Ich hab ja manchmal so verrückte Ideen. Und da ist es sehr entspannend, wenn sie mir erklärt, dass ich manche Dinge einfach zu so tun muss, wie sie es mir sagt.

Weil sie einfach die Große ist.

Aber ich merke auch, wenn sie mir etwas verbieten will, weil es ihr Angst macht.

Für ihre Angst kann ich nichts machen. Sie wird nicht weniger, wenn ich mich zurücknehme. Dann mache ich es halt heimlich. Das ist auch nicht immer gut!
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Rückzug führt zu Aggression oder Depression

Wenn es zuviel an „tu dies nicht“ „lass dies bleiben“ „kannst du nicht“ „tu endlich“ wird, ziehe ich mich in mich zurück.

Such mir Auswege und Möglichkeiten diesen unangenehmen Situationen zu entkommen.
Dann resigniere ich. Oder bin wütend.

Da will ich überhaupt nicht mehr wissen, was die anderen wollen. Es passt eh nicht.
Dann sollen die Großen doch machen, was sie wollen. Und ich weiß mir schon zu helfen.

Ich richte mich dann einfach nicht mehr nach ihnen. Sie schimpfen dann zwar – doch das geht auch vorbei.

Warum sollte ich mich an die unterschiedlichsten Regeln halten, die so unberechenbar sind? Manchmal wollen sie mich erpressen: Wenn du schön machst, was ich sage – bekommst du, darfst du, mag ich dich. Dann mache ich es genauso: wenn ich dich lieb haben soll, musst du mich schon kaufen; du musst mir einfach etwas erlauben oder schenken, dann bin ich ein bisschen brav. Aber ich bin nur brav, damit ich bekomme was ich will. Es fühlt sich nicht wirklich gut an – doch es ist leichter zu überleben.

Anerkennung und Wertschätzung füllen das emotionale Konto

Viel lieber wäre mir, du würdest mir immer wieder – einfach so – sagen, dass du mich magst; dass es schön ist, dass es mich gibt. Das würde mir das Gefühl geben, dass ich gut genug bin, so wie ich bin. Natürlich mag ich auch, wenn du anerkennst, was ich schon alles kann. Dass du anerkennst, dass ich mich oft ganz toll anstrenge, um gute Noten zu bekommen. Obwohl ich viel lieber mit meinen Freunden spielen würde. Das würde mir guttun. Dann würde ich gerne auf dich hören – weil ich mich bei dir sicher fühlen würde. Dann könnte ich dich auch als Leitwolf anerkennen. Weil ich dir vertrauen könnte.

Wenn Vertrauen fehlt

Doch wenn du mir dieses Sicherheitsnetz nicht geben willst – kann ich dir auch nicht vertrauen und dich respektieren. Dann bestimme lieber ich. Dann bin ich der Chef! Und ich weiß ganz genau, wie ich dich das wissen lassen kann! Ich kenne deine wunden Punkte sehr genau! Doch auch das Chefsein hat seinen Preis! Es strengt mich sehr an, weil ich mich dabei nicht wirklich wohlfühle. Um mich wieder zu entspannen oder zu beruhigen, werde ich wieder zum Baby. Manchmal werde ich auch krank. Einfach um mal Ruhe zu haben. Und wenn ich älter bin, vertraue ich dir auch nicht mehr, wenn du mich vor gefährlichen Situationen warnst. Ich weiß einfach nicht mehr, wie es sich anfühlt zu vertrauen!

Das wünsche ich mir von dir

Doch ich kann mir die Welt träumen, so wie Pippi: „Ich mache mir die Welt, so wie sie mir gefällt“. Dann wachse ich in einem Zuhause auf voller Liebe und Geborgenheit. Die Mama ist klar in ihren Bedürfnissen und sie sagt es mir auch, wenn sie mal Ruhe oder Unterstützung braucht. Sie ist auch klar, welches Verhalten sie von mir nicht akzeptieren kann und will. Das hilft mir weiter, denn so lerne ich von ihr, welche Werte ihr wichtig sind.

Damit lerne ich auch nachzufühlen, wie es anderen Menschen mit mir geht. Ich will ja mit allen Menschen gut auskommen und Freunde haben.

Sie unterstützt mich bei der Umsetzung meiner Ideen und sie schafft immer einen Raum, in dem ich sicher bin.
Sie schafft Möglichkeiten, auch solche Dinge zu tun, die ihr selbst Angst machen. Darüber freue ich mich sehr, denn ich spüre ja ihre Angst.
Sie ermutigt mich, wenn ich niedergeschlagen bin. Es genügt oft, wenn sie mich einfach in den Arm nimmt.

Sie hilft mir auch immer, wenn ich mal Mist gebaut habe und in Schwierigkeiten stecke. Dann reden wir ganz viel und mir wird dann wieder vieles klarer.

Sie lässt mich Kochen und Backen ausprobieren und hilft mir, die Anleitungen zu verstehen. Und der Papa ist für mich da, wenn es um Handwerkliches geht. Er ist echt ein super Heimwerker.

Meine Eltern unterstützen mich immer, wenn ich ein neues Hobby entdecke. Sie lassen mich ausprobieren, auch wenn mein Interesse nur von kurzer Dauer ist.

Meine Mama ist immer für mich da, wenn ich mal eine Frage habe oder einfach das Bedürfnis habe, ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen.

Ich schätze es sehr, wenn für sie dieselben Regeln gelten wie für mich: z.B. Schuhe ausziehen beim Nachhause kommen, Hände waschen vor dem Essen, kein Handy am Tisch…

Dann fühle ich mich wirklich wahrgenommen und respektiert.

Jetzt kann ich auch sie wahrnehmen und ihr den Respekt entgegenbringen, den sie als die Große einfach hat.

So kann ich gut hören, was sie sagt und kann ihr folgen. So kann ich gehorsam und folgsam sein.

Ich habe jetzt oft von der Mama gesprochen, weil sie halt mehr mit mir zusammen ist als der Papa. Doch auch von ihm wünsche ich mir die gleiche Sicherheit und Geborgenheit.

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