Streit unter Geschwistern

Peter und Paula

Die Mutter stöhnt.

Schon wieder streiten die Beiden. Kaum sind sie morgens aus den Federn – schon beginnen sie sich gegenseitig zu ärgern.

Es ist zum Mäusemelken. Müssen die beiden sich ständig in den Haaren liegen?

Können sie nicht mal 5 Minuten friedlich sein?

Die morgendliche Ruhe ist dahin.

Im Unfrieden geht jeder seiner Wege.

Mittags – kaum zu Hause angekommen – geht das Gezeter und Geschrei weiter.

Jetzt schreit die Mutter mit, schickt die Beiden in ihre Zimmer und gibt  ihrer Hilflosigkeit noch Ausdruck, verteilt Hausarrest und Handyverbot.

Was ist geschehen? 

Woher kommt diese Unzufriedenheit schon am frühen Morgen?

Was bräuchte Peter, was Paula, was die Mutter?

Morgens drängt die Zeit.  Und wer mag schon Druck?

Frage ich Peter nach seinen Bedürfnissen, erfahre ich vielleicht, dass er sich in der Schule nicht so wohl fühlt. Er kommt mit einem seiner Lehrer nicht besonders gut klar. Er hat immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Dass er mit seiner schlechten Laune Paula ansteckt – bemerkt er überhaupt nicht.

Paula hingegen mag überhaupt nicht gerne in die Schule gehen. Sie mag sich viel lieber bewegen und nicht ständig stillsitzen. Weil ihr das Lernen so leicht fällt, wird ihr auch ganz schnell langweilig. Und dann ist es ein willkommenes Ventil, wenn Peter schon so schlecht gelaunt im Bad erscheint.

Die Kinder sind erst mal hungrig und müde nach dem langen Vormittag. Auch schwingt noch das Unbehagen der Langeweile und des Gefühls des nicht gut genug Seins mit.

Alles zusammen ist ein ganz gefährliches Gebräu. Ein falsches Wort – und der Streit entzündet sich erneut

 

Wertschätzung und Zuhören

Die Mutter hatte nun eine Idee. Sie hatte irgendetwas von Wertschätzung und Zuhören gehört. Und sie probiert es aus.

 Sie hat ein Essen vorbereitet, das beiden Kindern gut schmeckt.

 Sie hat schon alles hergerichtet, so dass die Kinder gleich essen können. Denn sie hat mal gehört „wenn die Kinder hungrig und müde sind – haben sie alles vergessen, was sie schon an friedlichem Miteinander gelernt haben.“

Sie fragt erst Peter, was er denn heute Schönes in der Schule erlebt hat. Sie will die Erinnerung an Erfolgserlebnissen wachrufen.

Langsam taut Peter auf und erzählt, was er mit seinen Freunden gespielt hat und dass er sich für den Nachmittag mit ihnen verabredet hat.

Dass er diesen einen Lehrer nicht mag und dass er sich oft nicht gut genug fühlt, kommt erst ganz leise und ganz spät zur Sprache.

Die Mutter erinnert sich, dass es ihr in der Schule ähnlich ging. Dass sie immer wieder ausgelacht wurde, weil sie nicht so gut lesen konnte wie die anderen.

So merkt Peter, dass er mit seiner Geschichte nicht alleine ist und fühlt sich wertgeschätzt und angenommen.

Dann nimmt sich die Mutter Zeit für Paula. Sie weiß schon, dass sich Paula immer wieder langweilt und dass sie nicht gerne in die Schule geht. Sie lädt Paula ein, einmal ihre Schule zu träumen – eine Schule, in die sie gerne gehen würde.

Zögerlich beginnt Paula von ihrer Schule zu erzählen. Und dann beginnen ihre Worte immer schneller aus dem Mund zu sprudeln und ihre Augen glänzen.

Die Mutter erkennt, was sie braucht

Und beginnt zu träumen. Was sie sich wünscht, was sie braucht.

Und sie ist erstaunt, wie friedlich die Kinder alle miteinander spielen.

Sie nimmt sich vor, beim nächsten Streit einfach mal zu fragen, was die beiden denn jetzt gerade brauchen würden. Sie hat erkannt, dass es meist nicht um das Objekt geht, das als Zankapfel gilt. Dass unter dem Zankapfel ein unerfülltes Bedürfnis liegt. Und der Zankapfel nur als Ventil dient

Jetzt kann die Mutter sich auch aus den Streitereien der Kinder heraushalten und einfach nur beobachten. Dabei bemerkt sie, dass die Kinder sich zwar manchmal zanken, jedoch auch ganz schnell Lösungen finden. Solange sie sich nicht einmischt, regeln die Kinder ihre Unstimmigkeiten ganz alleine. Manchmal auf eine Art, die die Mutter in Erstaunen versetzt.

Das macht sie nachdenklich. Wenn sie Streit mit jemandem hat, dauert es meist sehr lange, bis sie zu einer Versöhnung bereit ist. Manchmal tobt der Kampf tagelang in ihrem Kopf.

Sie erinnert sich, dass sie es als Kind immer ungerecht empfunden hat, wenn in ihrem Streit mit den Geschwistern ihre Mutter als Schiedsrichter aufgeführt hat. Sie hat das Gefühl, dabei meist den Kürzeren gezogen zu haben.

Sie nimmt sich vor, sich Zeit zu nehmen für das Kind, das in ihr noch lebt. Dieses Kind zu fragen, was es Schönes erlebt hat, was es braucht, damit es ihm gut geht. Ihm zuhört, so wie sie gelernt hat, Peter und Paula zuzuhören.

 

Streit unter Geschwistern gehört damit nicht der Vergangenheit an.

Streit bedeutet immer Auseinandersetzung. Auseinandersetzung mit dem Bruder, der Schwester. Bedeutet auch immer ein Erkennen der unterschiedlichen Bedürfnisse, ein sich aufeinander einlassen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Das ist immens wichtig. Denn im Streit lassen sich Lösungen finden: Wie können wir unsere unterschiedlichen Bedürfnisse erfüllen; wie können wir einen Konsens finden.

Nein – es geht nicht um Kompromiss. Kompromiss würde bedeuten: einer gibt nach und verliert dadurch. Und er sorgt in der Folge dafür, dass er nicht mehr verliert.

Beim Konsens versuchen beide Kontrahenten aus der bestehenden Situation das Beste zu machen. Damit gehört der Machtkampf der Vergangenheit an.

Wenn wir Kinder beobachten, können wir ganz viel über Streitkultur lernen:

Sie sagen: „Wenn mir streiten keinen Spaß mehr macht, hör ich auf“. „Streiten macht auch Spaß“. „Wenn mir streiten zuviel wird, zieh ich mich zurück“. „Wenn der Streit vorbei ist, ist er vorbei“.

 

Den Streit beobachten – oder schlichten?

 

Peter und Paula streiten – mal wieder.

Die Mutter merkt, dass sie schon wieder in die Streitlaune einsteigen mag. Doch sie erinnert sich noch rechtzeitig. Sie atmet tief durch und beruhigt sich. Dabei beobachtet sie ihre beiden Kinder.

Nein – sie will nicht als Schiedsrichter in den Streit einsteigen. Sie wurde ja erst aufmerksam, als der Streit schon in vollem Gange war. Egal für wen sie Partei ergreifen würde – das andere Kind würde sich ungerecht behandelt fühlen.

So achtet sie nur darauf, dass sich die Kinder im Streit nicht verletzen.

Sie nimmt sich vor, mit den beiden zu reden, wenn sich die Wogen wieder geglättet haben.

Ihr geht es nicht darum, dass die Kinder nicht mehr streiten. Sie will vielmehr, dass sie lernen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu klären.
Alle Meinungen sind gleich viel wert. Jeder darf gehört werden.

Manchmal wissen die Kinder einfach noch nicht, wie sie ihre Konflikte friedlich lösen können.

Doch unter uns gesagt: Kinder sind viel nachgiebiger und am Wohl des Gegenüber interessiert als mancher Erwachsene.

Sie sind noch so nahe an der Quelle, am Ursprung der Liebe.

Möge es uns gelingen, diese Liebe zu stärken und das in uns wohnende Licht zum Strahlen bringen.

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